Donnerstag, 17. August 2017

ersetzen

Natürlich kann heutzutage alles ersetzt werden. Alles ist Ersatz und Versatz oder alternativ Müll und Schrott. Brauche ich eine Hausratversicherung, die zB "Diebstahl von Sachen aus Kraftfahrzeugen" umfasst, wenn ich das Kraftfahrzeug, aus dem meine Sachen gestohlen werden könnten, gar nicht besitze? Brauche ich eine Versicherung für "Diebstahl von Sachen aus Krankenzimmern, am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Studium oder im Umkleideräumen bei Sporteinrichtungen", wenn ich weder krank bin, noch einen Arbeitsplatz habe, noch studiere und beim Schwimmen an der Meldorfer Bucht keinen Umkleideraum vorfinde, sondern - wie alle anderen Frühschwimmerinnen - mich schnell entkleide und einen unordentlichen Haufen auf dem Deich hinterlasse? Brauche ich eine Versicherung für "Diebstahl von Kinderwagen" wenn ich weder Kinder noch Großkinder habe? Für "Diebstahl von Krankenfahrstühlen, Rollatoren und Gehgestellen", wenn ich noch gut zu Fuß oder zu Rad bin? Für "Räuberische Erpressung" (Himmelnochmal, wo leben wir?), "Trickdiebstahl" (was ist das denn?) oder "Gefriergutschäden bei Stromausfall", wo ich doch "Gefriergut" eher als Gefahrengut einschätze, denn als unersetzliches Gut und deshalb keine entsprechend stromfressende Truhe besitze, sondern es vorziehe, mir mein Essen täglich höchstselbst frisch zuzubereiten?

Mittwoch, 16. August 2017

entwischt

Eigentlich muss heute hier der Titel "ermordet" stehen. Vor elf Jahren wurde mein Schwiegervater ermordet. Entwischt passt aber genausogut, außerdem tönt es das gestrige erwischt klug ab. Der Kontext ist so wichtig wie der Subtext. Ein, zwei Buchstaben decodieren die Norm. Die zehn Gebote. Du sollst nicht töten. Die Mörderin wurde nicht gleich erwischt, sondern verließ die Klinik seelenruhig. Elf Jahre ist das nun her, ohne dass etwas anderes geworden wäre. Elf Jahre, seit sich eine Krankenschwester routiniert eines weiteren Patienten entledigte. Damit sie bei Dienstschluss ihr Tagessoll erledigt hatte, den Leichnam entfernt, das Zimmer entleert, das Bett erfrischt. Sie hatte Spätschicht. Es war früher Abend, so wie jetzt. Sie rechnete damit, dass sie, ehe sie nach Hause entwischen konnte, noch den Angehörigen die Hand reichen und ein Wort des Beileids aussprechen musste. Was sie selbstverständlich auch tat.
Ich fahre zum Deich, das Wasser läuft auf.

Dienstag, 15. August 2017

erwischt

Die Ameisen fliegen. Und Tausende Lach- oder Sturmmöwen. Über den Salzwiesen versuchen sie in wundersamen Kunstflügen mit vorgereckten Hälsen und in seltsamen Verrenkungen die Paarungsbereiten auf dem Hochzeitsflug zu erwischen. Und zu fressen. An der Vermehrung zu hindern. Den eigenen Hunger zu stillen. Wieviele Ameisen muss eine Möwe erwischen, um satt zu werden?
Wir baden kurz nach Sonnenaufgang auf der Höhe des Angelteichs. Und lassen uns auf dem Grasdeich trocknen. Kopulierende Jungköniginnen nutzen unsere Haut sofort als abwaschbare Unterlage. 

Montag, 14. August 2017

Sonntag, 13. August 2017

erhaben

Zur Erbauung meiner armen Seele lese ich auf dem Badewannenrand Josef Freiher von Eichendorff. Ahnung und Gegenwart. "So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das künstlerische Weberschiffchen, das sonst, fein im Takte, so zarte ästhetische Abende wob, wieder in Gang bringen. Die meisten wurden mißlaunig, keiner konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des anderen Wortgepräng verstehen, und so beleidigte einer den anderen in der gänzlichen Verwirrung."

Samstag, 12. August 2017

enthoben

Im Mittelhochdeutschen bedeutete entheben befreien. Des Amtes enthoben oder von einer Aufgabe/Verpflichtung/Bedrohung (?) befreit. Der Nordsee enthoben. Niemand braucht hier übers Wasser gehen zu können. Ich sitze im Trockenen. Und warte, bis die Sonne aufgeht. In einer knapp 38 Quadratkilometergroßen Badewanne ohne Wasser. Ungefähr einen Meter unter Normalnull. Ein 8 Meter hoher Deich schützt mich und die andern vor dem natürlichen Untergang. Wenn ich baden will - es ist gerade Morgenhochwasser - muss ich über den Badewannenrand klettern.

Freitag, 11. August 2017

entfernt

Ich entferne mich (klingt absurd, ist aber grammatikalisch korrekt) und fahre auf die Insel, für die ich noch nicht reif bin. Meine Birnen faulen am Baum, eh sie reifen können. Schorf, sagt mein Gärtner des Vertrauens. Pilzsporen. Wahrscheinlich eine Folge der Witterung. Und empfiehlt: abpflücken und vernichten. Also auch entfernen.