Samstag, 31. Oktober 2009

Weltreise 2

Ich komme mit 13 Stunden Verspätung in Menznau an.
Am Mittag fahren wir los. Wir: die Schuhfrau, ihr Chauffeur, zwei Ritas, ich und das gesamte Wintersortiment an Damenschuhen sowie vier Kisten Bücher.
Wir fahren quer durch die Schweiz in den südöstlichsten Zipfel des Landes, nach Tschlin.
Wir fahren in ein Kapitel meines Schuhmacherbuches (für alle, die nicht dabei sein können: S. 287 ff.).

Freitag, 30. Oktober 2009

Warschauer Intermezzi

Die Weltreise war zu schön ausgedacht.

Niemand besingt Warschau so wie ich. Deshalb lässt Warschau mich so einfach nicht ziehen.

Schon am Montag wartete ich 100 Minuten auf dem kalten Bahnsteig am Warschauer Hauptbahnhof auf den Zug nach Krakau. Ich hatte mir zwei Stunden Zeit gelassen, um meinem Meister die Hand zu drücken und ihm ein Namenstagsgeschenk zu überreichen. Danach kaufte ich eine Fahrkarte für die schnellste Verbindung. Zuerst kam die Durchsage "... verspätet sich um 20 Minuten ...". Und "opóźnienie może ulec zmianie" - ein in seiner Poesiefülle und Logikleere unübersetzbarer Satz. Ich kenne ihn seit vielen vielen Jahren, er ist mir so vertraut, wie eine zweite Haut. Dann kamen in regelmäßigen Abständen scheppernde, schleppende Bekenntnisse "... um 30...", "... um 50 ...", "... um 70...", "... um 90 ...". Anfangs waren die Polen, die nach Krakau fahren wollten, alles unverwüstliche Optimisten, noch bester Laune. Sie lachten und scherzten lauthals über alle ein- und ausfahrenden Schnellzüge, Intercitys und Regionalbahnen hinweg. Unüberhörbar. Aber irgendwann blieben auch ihnen die glucksenden Laute im Hals stecken. Stille machte sich breit. Etwas Schweres. Drückendes. Lethargie. Etwas Steifes, Erstarrendes, das nicht nur mit der Kälte oder der Tatsache, dass sich alles unterirdisch abspielte, zu tun hatte.
Heute sitze ich 125 Minuten am Chopin-Flughafen. Mit einem polnischen Mittagessen im Bauch, gespendet von Austrian Airlines. Und einem Warschauer Abendrothimmel vor Augen, gespendet wahrscheinlich von Nazars ACH DU LIEBERHERR GOTT NOCH MAL. Und immer wieder in diesen Himmel steigende Flugzeuge. Nirgends auf der Welt ist der Himmel am Vorabend von Zaduszki [Allerheiligen, Allerseelen] so schön wie hier. Der Nachmittagsflug nach Wien wurde "gestrichen". Because of technical problems. Das sagen sie immer, tröstet mich W. vom Wattenmeer, als ich ihn in meiner Verzweiflung aus seiner Vorlesung klingele. Ich komme heute nicht mehr zu meiner Schuhmacherin. Das ist das Traurigste an diesem Intermezzo, an dieser Weltreise inter ruptus oder eher inter regio. Die Zeit und die Kraft reicht gerade, dass ich, so LIEBERHERR GOTT NOCH MAL erlaubt, kurz vor Mitternacht in Allschwil bei meiner Schwester ins Bett falle.

Weltreise

Ich erwache an der Weichsel.

Wie immer, wenn ich in Warschau schlafe, erwache ich an der Weichsel. In meiner Heimat. Durch meine Heimat fließt die Weichsel. Durch meine Träume fließt die Weichsel. Durch meine Trauer fließt die Weichsel. Durch mein Leben fließt die Weichsel. Durch meinen Tod fließt die Weichsel.

Ich packe meine Siebensachen.

Ich wollte kein Buch kaufen, da ich meine eigenen Bücher durch die Welt trage. Gestern lag in einem Buchladen in Warschau plötzlich "Miasto Boga" von Paulo Lins vor mir. Noch nie habe ich ein Buch von Paulo Lins gesehen. In keiner Sprache der Welt. In keiner Buchhandlung der Welt. Paulo Lins war mein Vorgänger im ULNÖ. "Miasto Boga". Originaltitel "Cidade de Deus". Zu deutsch vielleicht Die Stadt Gottes. Oder Gottesstadt. Oder Gottstadt. Komposita gibt es nur im Deutschen.

Ich packe in Warschau Paulo Lins polonisierte Stadt Gottes in mein Handgepäck.

Ich habe heute viel Zeit zum Nachdenken. Ich verlasse Warschau, meine Heimat, fliege über Wien nach Basel, fahre über Olten, Langenthal nach Menznau. Dort ist in der Zwischenzeit die Schuhmacherdynastie um eine Prinzessin reicher. Emily, die auf Seite 325 meines Schuhmacherbuches gezeugt wurde, ist gesund etwas zu früh in Singapur auf die Welt gekommen.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Warschau 2

Ich verlasse die Konferenz vorzeitig (was dort weiter passiert, kann hier verfolgt werden: http://kultura.wp.pl/kid,,title,Konferencja-KOMPLEKS-KONWICKI-zdecydowanie-odmlodniala,wid,11639457,wiadomosc.html).
Ich muss bei Tageslicht mein Warschau abschreiten, stehe um 5 Uhr auf, steige um 5.30 ins Taxi, um 6.00 in den Express Lajkonik nach Warschau.
Das Kino Skarpa ist nur noch ein Schutthaufen. Würde ich heute an der Kopernika-Strasse wohnen wie vor 25, 26, 24 Jahren, dann würde ich von meinem Zimmer aus die Spitze des Kulturpalastes sehen. Mein Meister sieht von seinem Fenster aus den Kulturpalast seit über einem halben Jahrhundert in seinem ganzen, so unvorstellbar monströsen Ausmaß. Ich wusste immer, dass unsere Warschauer Zimmer, seines und meines, auf einer schnurgeraden Luftlinie liegen.

Das Kino Skarpa versperrte mir in meinen jungen Warschauer Jahren die Sicht auf die Welt, wie der Glärnisch in meiner Kindheit mir die Sicht auf die Welt versperrte.
Es ist gut, dass wir älter werden. Denn Kinos und Berge brauchen Zeit, um aus der Welt zu gehen.

Das polnische Nationalepos PAN TADEUSZ von Adam Mickiewicz besingt Litauen als Heimat ("Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie. Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie, Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie ...).
Mein privates Nationalepos wird eines Tages beginnen mit den Worten "Warszawo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie. Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie, Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie ...).

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Ins Wasser fallen

ACH DU LIEBERHERR GOTT NOCH MAL
in der fremde mit den fenstern heim
an die decke mit fingern zeichnen
ins wasser fallen
und aus dem rahmen
sich auf die stirn einkratzen
geh fort
weiss gott
bei gott


Nazar Honczar
http://stadtschreiber.mur.at/

Der überraschende Tod 4

Nazar ist tot. Schon seit Ende Mai. Ich habe es erst gestern hier in Krakau erfahren. Vor vier Jahren lernte ich Nazar hier in Krakau kennen. In der Küche der Villa Decius machten wir uns jeden Morgen Gedanken über das Laub, das der Gärtner mit seinem tosenden Laubbläser erbarmungslos zusammentrieb. Ob man die einzelnen Blätter nicht wie Wäsche zum Trocknen wieder in die kahlen Äste der Bäume zurückhängen könnte. Später nannte Nazar dies "Herbstverbesserung" bzw. "uświetnienie jesieni".

W. tröstet mich vom Wattenmeer. Nazar sei gestorben , schreibt er, "wie ein chinesischer Dichter, der trunken den Mond umarmen will, der sich auf der Wasseroberfläche spiegelt".

Ende Mai war eine gefährliche Zeit. W. hat sie mit gebrochenem Kiefer überlebt, Nazar ist beim Versuch, den Mond zu umarmen, mehr als nass geworden. Gott war für Nazar ein "unbestimmtes Fürwort".

Ich hoffe, dass diesem Dichter diese grammatikalische Kategorie nicht übel genommen wird und die himmlischen Heerscharen ihn weiter dichten lassen. In allen Sprachen der Ewigkeit.

http://stadtschreiber.mur.at/2009/05/22/nazar-hontschar-todlich-verungluckt/

Dienstag, 27. Oktober 2009

Krakau

Die Konferenz "Kompleks Konwicki" (und warum nicht "Konwickiego"? fragt die Schweizerin) findet vom 27. bis 29. Oktober in Krakau statt.
In der "Gazeta Wyborcza" lese ich "W kręgu Tadeusz Konwickiego" (und hier fehlt das Genitiv-a hinter dem Vornamen des Meisters, sagt die Schweizerin, dies ist nicht nur eine spitzfindige Interpretationsfrage, sondern Grammatik pur).

Das Plakat gestaltete Marta Janik (eine junge Grafikerin und Polonistin, die ihre Magisterarbeit über den Kitsch in Konwickis Werk geschrieben hatte) - es wurde an mehreren repräsentativen Orten in der Altstadt rund um die Jagiellonen-Universität aufgehängt. Kein einziges ist übrig geblieben. Jedes einzelne wurde geklaut. So begehrt ist mein Meister in Polen bis heute.

Das Programm der Konferenz ist hier abzurufen:
http://filmoznawcy.pl/?p=977

Montag, 26. Oktober 2009

Warschau

Mein erster Schritt in Warschau führt auf die Sternenallee - oder auf die Allee der Sterne. Aleja Gwiazd. Im Regen. Und in der Dämmerung. Mein Fuß trifft als erstes den Stern mit folgender Inschrift: "Nic nie jest dla mnie zbyt szokujące - Roman Polański."
Wie wahr! Oh Warschau, meine Heimat!

Sonntag, 25. Oktober 2009

St. Crispin

"Die Fölmlis" sind zum Gedenktag des Schuhmacherpatrons im Liestaler Dichtermuseum gelandet.

Samstag, 24. Oktober 2009

Menznau 2

"Die Fölmlis" feiern weiterhin Premiere, von 10.00 bis 16.00 wird zu jeder vollen Stunde gelesen.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Der letzte Strandtag

Wir haben beide alle Hände voll zu tun und lassen doch am Mittag alles einfach stehen und liegen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, radeln wir kurzerhand ans Meer. Sonniger wird es in diesem Jahr nicht mehr. Heller auch nicht. Und wärmer sowieso nicht.
Dann hocken wir in eine Decke gehüllt nebeneinander auf dem Deich. Und glotzen aufs Wasser. Es ist da - obwohl wir damit nicht gerechnet hatten. Wir sind so unvermittelt aufgebrochen, dass nicht einmal mehr Zeit für einen Blick in den Tidenkalender war. Es sind auch viele Leute da. Mit Hunden und Kindern. Mit Handschuhen, Mützen, Schal. Mit Fahrrädern und Rollstühlen. Mit Luftschiffen, Drachen und anderen Fluggeräten.

Freitag, 16. Oktober 2009

Die letzten Eulen

Wir haben zwei eiskalte Tage und zwei noch kältere Nächte hinter uns. Heute tobt der Sturm ums Haus, heizt die Luft wieder auf 10° auf und fegt die Bäume leer. Als ich am Nachmittag trotzdem aufs Fahrrad steige, um einzukaufen, beobachten mich zwei Eulen. Die eine hält sich tapfer im mittleren Ahorn fest, der schon fast alle Blätter verloren hat. Die andere sitzt im großen Ahorn, der über Nacht sehr blass und gelb geworden ist. Jetzt sitzt ihr da, rufe ich verwundert in das Tosen des Windes. Und sie nicken. Ja, jetzt sitzen wir da. Den ganzen Sommer über haben uns die Krähen mit ihrem ewigen Gezänk tagsüber keine Ruhe gelassen. Die eine würgt zwei Gewölle hervor. Das sind die Überreste von mindestens zwei Mäusen. Ich bin zufrieden, sie sind gesund.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Der erste Frost

Die Äpfel sind noch nicht gepflückt, die Tomaten hängen dicht wie überdimensionierte Trauben in der immer noch wärmsten Ecke des Gartens. Dort, wo die Vorbesitzer den Kompost aufschichteten und die sonst so karge Geesterde offensichtlich gut genährt ist. Auch die wärmste Ecke im Garten wird kalt, wenn die Nachttemperatur unter den Gefrierpunkt fällt.
W. sagt, das sei nur Raureif, und steigt auf sein Fahrrad. Ich schließe das Gartentor hinter ihm und fahre mit dem Finger über die glitzernde stachlige Masse auf dem Holz. Reine Luft ist das nicht, reines Eis auch nicht. Weder Sonne, Schnee noch Regen. Weiß und widerspenstig zugleich. Ein Signal. Der Winter kommt.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Kastaniensuppe

Wir mussten uns lange gedulden. Die Edelkastanie hat schon haufenweise Früchte abgeworfen, aber dürre, trockene, unausgereifte. Ich fegte sie alle erbarmungslos in die Biotonne.
Aber nun ist es so weit. Ein halbes Jahr schon liegt Friedas Kastaniensuppenrezept (eigentlich ist es ein Marronisuppenrezept) in der Küche, ordentlich zusammengefaltet in der Soup Bible.
Ich ritze die prallen Marroni kreuzweise ein und koche sie ziemlich lange. Allerdings ohne die im Rezept angegebene Speckschwarte. Das Wasser wird braun, ich schütte es weg. Lasse die aufgeplatzten Marroni etwas abkühlen und schäle sie. Eine Fummelarbeit. Erfordert das Fingerspitzengefühl, das Musterschülerinnen abgeht. Dann püriere ich die Marroni mit etwas Hühnerbrühe. Gieße noch einen halben Liter Brühe auf, gebe einen Gutsch Olivenöl dazu (Speckschwartenersatz), würze vorsichtig mit Paprika, Pfeffer und Kreuzkümmel. Zum Schluss binde ich mit Sojamilch ab (statt Sahne, wie im Rezept). Schmeckt himmlisch!
Mein Kastaniensammler ist so begeistert, dass er nichts anderes mehr essen will.

Samstag, 10. Oktober 2009

Der überraschende Tod 3

Zur Feier des Tages bekomme ich ein Paket aus der Schweiz. Obwohl Samstag ist. Und bereits 16 Uhr. Statt mich des Inhalts zu erfreuen, falle ich über die Verpackung her, renne durchs Haus, suche verzweifelt eine Lupe. Ich kann den winzigen Text auf den zehn blutrotbunten, blumenblütigen, grünblättrigen 180-Briefmarken nicht entziffern. Außer: "... Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet ...".
W. bietet schließlich an, einen Blick ins Internet zu werfen. Mit Erfolg. Er findet die Lupe: "Die Lupe. Das Briefmarkenmagazin" Ausgabe 3/2009, Herausgeberin Die Schweizer Post. Ich habe die "Bescheidenheit" bekommen. Es gibt auch die "Menschlichkeit" (130), die "Selbstgenügsamkeit (100) sowie die "Unabhängigkeit" (85). Die vier Briefmarken bilden den deutschen Abschluss der Sonderbriefmarkenserie "Die Schweiz aus der Sicht ausländischer Künstler". Das Berliner Künstlerduo Kuno Ebert und Katja Dengel setzen auf eine Phantasieblüte und auf ein Stück niemandem bekannte Weltliteratur. Eine Widmung!
Schillers Drama "Wilhelm Tell" wurde am 17. März 1804 in Weimar uraufgeführt. Am 22. April 1804 schickte Schiller ein geschriebenes Exemplar seinem Freund, dem damaligen Kurfürsten von Mainz, Erzbischof Karl Theodor von Dalberg mit folgender Widmung:

Wenn rohe Kräfte feindlich sich entzweien
Und blinde Wut die Kriegesflamme schürt,
Wenn sich im Kampfe tobender Parteien
Die Stimme der Gerechtigkeit verliert,
Wenn alle Laster schamlos sich befreien,
Wenn freche Willkür an das Heil'ge rührt,
Den Anker löst, an dem die Staaten hängen:
Das ist kein Stoff zu freudigen Gesängen.

Doch wenn ein Volk, das fromm die Herden weidet,
Sich selbst genug, nicht fremden Guts begehrt,
Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet,
Doch selbst im Zorn die Menschlichkeit noch ehrt,
Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet:
Das ist unsterblich und des Liedes wert.
Und solch ein Bild darf ich dir freudig zeigen,
Du kennst's, denn alles Große ist dir eigen.

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Herr Schiller. Heute will ich niemandem widersprechen, denn wir feiern 190 Monate Ehe. Schillers Gedicht befindet sich nicht nur handschriftlich in Dalbergs Exemplar des "Tell", sondern auch unter dem Titel "Wilhelm Tell" in meinem Bücherregal am Wattenmeer: Schillers Werke, Erster Band, Gedichte, S. 330, Gedicht Nr. 209 (von insgesamt 211 - der Autor starb bekanntlich kurz nach seinem "Tell" im Alter von nur 46 Jahren).

Freitag, 9. Oktober 2009

Der überraschende Tod 2

Jacques Chessex ist heute Abend im Alter von 75 Jahren überraschend in der Stadtbibliothek von Yverdon-les-Bains gestorben. Die Romandie hat ihre wichtigste literarische Stimme verloren.
Chessex hätte über sein Werk sprechen sollen. Über die Dramatisierung seines 1967 erschienenen Romans «La confession du pasteur Burg» (Das Bekenntnis des Pastors Burg). Das Stück hatte gestern Premiere. Da stellt jemand aus dem Publikum eine Frage - nicht nach Chessex' Literatur, sondern nach der Affäre Polanski, greift den Autor heftig an wegen seiner Parteinahme für den Filmregisseur (s.u.). Chessex beginnt zu antworten - es ist keine Viertelstunde nach Beginn der Veranstaltung, der Autor zeigte keine Anzeichen von Schwäche, wirkte vital, sogar humorvoll - bricht zusammen und ist tot.

Keine Schweizer Zeitung hat den Wortlaut zitiert. Ich entnehme ihn L'Express.fr, siehe http://www.lexpress.fr/culture/livre/jacques-chessex-mort-sur-scene_793850.html

"Au moment où la parole était donnée à l'auditoire, un homme s'est levé, se présentant comme médecin généraliste et chef de famille, et, hors de lui, a condamné le soutien à Polanski que Chessex avait exprimé dans La Tribune de Genève : "Ce que vous avez déclaré fait de vous un complice de crimes! Je ne veux même pas entendre votre réponse!" puis se rue effectivement vers la sortie. L'écrivain répond alors, bien que son accusateur soit parti. Il fait d'abord un trait d'humour, "ce généraliste généralise", puis, apparemment ému, rappelle que son avis sur cette affaire implique justement qu'on fasse une distinction entre "le fait et l'affaire". Il s'est alors écroulé, et n'a pas pu être réanimé."

So etwas kann nun allen von uns passieren.
Die Schweiz ist für viele von uns eine Falle des Unsäglichen geworden.

Nachtrag:
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EB8DA2CE6F5D9494EAB5AFFA363E48C9F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Der überraschende Tod

Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Herta Müller. Eine sehr gute Entscheidung. Eine sehr gute Auszeichnung. Für sehr gute Literatur. Nicht für einen Namen, schon gar nicht für einen Allerweltsnamen wie Müller.
Die Autorin wirkt sprachlos bei der ersten Pressekonferenz. Sie tue nur ihre Arbeit, sagt sie. Der Preis sei für ihre Bücher, nicht für ihre Person. Nichts werde sich für sie ändern durch den Preis, denn: "Meine innere Sache ist das Schreiben."

Vor drei Jahren starb überraschend in einem Frankfurter Hotelzimmer Oskar Pastior. Sein einsamer Tod wird mich nie mehr loslassen, er hat sich unausrottbar festgesetzt in meinem Leben. Manchmal ist das so. Dinge, die überhaupt nicht zusammengehören, nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, werden zusammengeschweißt. Ziehen sich an wie die ungleichen Pole zweiter Magnete. Da reichen ein paar klare Gedanken. Oder ein kalendarisches Gedächtnis. Gefühlsleere Zufälle. Es war mein Geburtstag, im Radio las Oskar Pastior in der Vorschau auf die Buchmesse und den Büchnerpreis, und in Berlin wurde eine Mörderin verhaftet. Als ich am nächsten Morgen vom Tod Pastiors erfuhr, dachte ich nur an Herta Müller. Ich wusste, dass Herta Müller und Oskar Pastior an einem gemeinsamen Buch arbeiteten. Herta Müller hatte diese Arbeit einmal in einem Couloirgespräch in einen Nebensatz gepackt: "... denn wir schreiben eine Autobiographie zusammen". Mir hatte es damals die innere Sprache verschlagen. Auf so eine Idee müssen zwei Dichter erstmal kommen. Zwei Stimmen, die unterschiedlicher nicht sein können. Pastior und Müller. Respekt! Dann starb Pastior.

Dafür wurde nun Herta Müller der Nobelpreis für Literatur zugesprochen. Für ihre Arbeit. Für ihre Trauerarbeit. Für ihre Leidensarbeit. Für ihr letztes Buch "Atemschaukel". Dafür, dass es ihr gelungen ist, die Leerstelle nach Pastiors Tod kreativ und literarisch aufzufüllen. Dafür, dass sie bereit war, seine Stimme zu hören und seine Hände zu sehen. Dafür, dass sie die "Sprache für das Unsagbare" findet, immer schon gefunden hat und wahrscheinlich in Zukunft weiterhin finden wird. Das Unsagbare versiegt nie.

Vor zwei Tagen gab Herta Müller der Zeit ein Interview. Siehe hier: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2009-10/herta-mueller-interview?page=all

Montag, 5. Oktober 2009

Das Velo des Jahrhunderts

Und hier einmal eine positive Seite meines Vaterlandes: "was e gschiidi übersetzig und müskeli usmache" schreibt mir meine Schulfreundin, die seit Jahrzehnten im Exil in Wien lebt - oder: womit die Schweizer Armeeangehörigen vor den Schergen des NS-Regimes in ihr Réduit geflohen wären, hätten die es gewagt, über den Rhein zu kommen:
http://www.youtube.com/watch?v=0QEjuCLcwyM&feature=player_embedded

Sonntag, 4. Oktober 2009

Der Kuchen des Jahrhunderts

Nein, sagte mir die Frau beim Mühlenbäcker am Freitag, nein, am Samstag hätten sie geschlossen und am Sonntag auch. Der Bäcker, fuhr sie fort, obwohl ich ihr bereits signalisiert hatte, dass ich ihre Antwort zur Kenntnis genommen habe und aus freien Stücken meinen Einkauf um ein halbes Kilo Sonnenblumenbrot geschnitten aufstocke, würde nicht backen. Sie hätten "Zwangsurlaub". Oh, sagte ich bloß und verkniff mir die Bemerkung, dass das doch schön sei.
Erst am Samstag begriff ich, was es für mich bedeutete, wenn der Mühlenbäcker nicht backen wollte und die Mühlenbäckereiangestellte Zwangsurlaub machte. Ich musste selber backen! Zu spät merkte ich, dass wir knapp an Eiern sind und keine geriebenen Mandeln im Haus haben. Haselnüsse tun's auch, dachte ich und schlug sämtliche Eier in die Schüssel.
Erst als die 5 Eier aufgeschlagen waren, sah ich, was ich angerichtet hatte. 10 Eigelb! Eine ganze Schachtel Zwillingseier! Zweifelnd gab ich die restlichen Zutaten dazu und schob die Mischung in den Ofen. Nach einer Stunde schien mir, der Kuchen sehe kläglich aus.
Erst heute Nachmittag schnitten wir den Kuchen an.
Er schmeckt hervorragend. Wie noch nie in meinem Leben.

Samstag, 3. Oktober 2009

Das Buch des Jahrhunderts

Mein Buch des Jahrhunderts ist erschienen. Die ersten Exemplare wurden gestern in der Schweiz den ersten Lesern übergeben.

Mein Jahrhundertbuch kann ab sofort direkt beim Verlag bestellt werden, Lieferung frei Haus in der Schweiz und in Deutschland, zum Preis von Fr 31,80 oder Euro 19,80: kontakt@wartmann-natuerlich.ch

Oder es kann bei einer der folgenden Lesungen mit Widmung erstanden werden:

  • 23. Oktober 2009, 19.00 Uhr gangart, Willisauerstr. 7, CH-6122 Menznau
    Buchvernissage.
  • 24. Oktober 2009, 10.00 - 16.00 Uhr gangart
    Literatur live: Judith Arlt liest zu jeder vollen Stunde Passagen aus „Die Fölmlis".
  • 25. Oktober 2009, 16.00 Uhr Dichtermuseum Liestal, Rathausstr. 30, CH-4410 Liestal
    Lesung anl. des Gedenktages des Patrons der Schuhmacher: St. Crispin
  • 1. November 2009, 11.00 Uhr Sala polivalenta, CH-7559 Tschlin/Unterengadin
  • 22. November 2009, 10.30 Uhr Stadtmühle Willisau, Müligass 7, CH-6130 Willisau

Freitag, 2. Oktober 2009

David und Goliath

Die innenpolitische Brisanz der causa Roman Polanski hat international bisher niemand zur Kenntnis genommen. Wen interessieren schon die Machtkämpfe um Bundesratssitze in der Schweiz. Die Lob aus Amerika steht. Die Schweiz ist (wieder) ein verlässlicher Partner. Das wissen wir schon lange. Die Schweiz war auch im zweiten Weltkrieg ein verlässlicher Partner der deutschen Nationalsozialisten. Hatten nicht damals auch "pflichtversessene" Beamte die Einführung des Judenstempels gefordert? Ohne die Verlässlichkeit des Finanzplatzes Schweiz - ich kann es nicht oft genug wiederholen - wäre der Krieg Monate wenn nicht Jahre früher zu Ende gewesen. Hitler wäre pleite gewesen, da niemand sonst auf der Welt - auch das kann nicht oft genug gesagt werden - noch bereit war, sein Raubgold in eine frei konvertierbare Währung umzutauschen. Wer es vergessen hat, kann es hier gut dokumentiert bis ins allerletzte Detail nachlesen: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=8680325&top=SPIEGEL
Die Schweiz: einst Hitlers Hehler, heute Amerikas Handlanger. Christoph Blocher, der gestürzte Vorgänger der amtierenden Justizministerin, hat sich zu Wort gemeldet. Er hätte Polanski gewarnt und "der Mais wäre uns erspart geblieben": http://bazonline.ch/schweiz/dossier/der-fall-polanski/Blocher-haette-Polanski-gewarnt-Und-der-Mais-waere-uns-erspart-geblieben/story/22326504 . Die Weltwoche titelt "Musterschülerin Eveline": http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2009-40/artikel-2009-40-bodenmann-musterschuelerin-eveline.html . Die Arena ist also eröffnet. Ich melde mich dazu wieder in zwei Jahren (Stichwort: "Gesamterneuerungswahlen des Bundesrates" im Jahr 2011), falls die Sache sich nicht vorher erledigt.