Montag, 31. August 2015

226. Mahnwache in Meldorf

18:00 - 18:30 Südermarkt
Meldorfer Mahnwache für den sofortigen Atomausstieg.

Vielleicht hört bis zum frühen Abend der Landregen auf. Er tut aber gerade meinem frisch bestellten Winterweizenfeld gut! 

Sonntag, 30. August 2015

Zeitschuhe

Es ist tatsächlich schon drei Jahre her, seit der Menznauer Schuhmacher, Anton der Zweite, das Zeitliche gesegnet hat! Ich glaube, er tat es ohne Schuhe. Bescheiden und anspruchslos wie immer. Drüben läuft man barfuß und die Schuhmacher haben ihre verdiente Ruhe.

Samstag, 29. August 2015

Meldorfer Hafenfest 2

Für G. Die Anfahrtsskizze:

Meldorfer Hafenfest

Heute und morgen. Kleiner Hafenmarkt mit regionalen Produkten, vielen Meldorfern, die mit Ihren Arbeiten Handwerk und Kunsthandwerk bereichern. Maritime Dekorationen von Elke und Klaus Morsnowski, "upcycling" neues Leben für alte Sachen von Kai Hennings und Tobias Gawlik. Dazu viele Informationen vom NABU, Wattwurm, den Wattführern, dem Steinzeitpark, dem "Blanker Hans" Nationalparkhaus.



Freitag, 28. August 2015

Hochzeitschuhe

Heute Mittag, auf dem Weg zum Wasser bei Windstärke 4, gebe ich meine Hochzeitschuhe ab. So wie andere ihren Führerschein abgeben. Aus Altersgründen. Weil die Sehkraft nachgelassen hat oder die Reaktionsfähigkeit auf kreuzungsreichen Landstraßen. Das Schuhhaus Carstensen in Meldorf sammelt gut erhaltene Schuhe "für unseren neuen Besucher in Albersdorf im Ditmarsenpark". Meine Hochzeitschuhe (Bally, altrosa!) sind bestens erhalten. Sie drückten schon damals. Und seither ist alles an mir am Leben gewachsen. Füße gehen mit zunehmender Erfahrung in die Breite, um ihrer Aufgabe, die Last des ganzen Körpers zu tragen, weiterhin nachkommen zu können. Fachgerecht mit dem Worten meiner Schuhfrau gesprochen, "dehnen sich die Bänder, welche die 26 Knochen im Fuß zusammenhalten. Dadurch werden Füße breiter und länger." (Die Fölmlis, S. 296). Es ist also nichts ungewöhnliches, dass Hochzeitschuhe die Zeit nicht überdauern.

Donnerstag, 27. August 2015

Endlich wieder Wasser!

Windstärke 5. Kein Mensch am Wasser außer einem Dauercamper. Und einer Frau, die neben meinem abgestellten Fahrrad unreifen Sanddorn erntet. Bis er reif sei, sagt sie, hätten den andere geholt. Das ist immer so. Ich steige über den Deich und der Sturm raubt mir das Gleichgewicht. Windstärke mindestens 9. Die Wellen schlagen wütend über mir zusammen. Ich mache ein paar wenige Züge und denke an Hooge in der Nacht. Endlich wieder Wasser!

Montag, 24. August 2015

Sonntag, 23. August 2015

Sonntag allein in Meldorf

G. hat Dithmarschen verlassen. Es ist wieder heiß geworden. Ich grabe mein Feld um. Buddle die Reste des Gründüngers unter. Und die unbrauchbaren Zwiebeln. Vertrocknete Halme. Ich arbeite von Hand und barfuß. Leichtsinnig. Aber wie ein Pflug. Dreiviertel schaffe ich, bevor die Flut mich ruft. Dasselbe Spektakel wie gestern: kein Wasser, aber Tränen! Auf dem Heimweg begegne ich dem neuen Gildenkönig und seinem lärmenden Gefolge. Ich friere in der Feldmark. Herr, es ist Zeit - die Herrlichkeit mit dem Abendschwimmen dahin.

Samstag, 22. August 2015

Kein Wasser

Auch bei Höchststand der Flut reicht das Wasser in der Meldorfer Bucht gerade mal bis über die Knie. Der scharfe Ostwind treibt uns Tränen in die Augen und nimmt uns die Möglichkeit, zu Schwimmen! Verwirrung bei allen, die nach dem Tidenkalender leben. Haben wir falsch geguckt? Läuft es auf oder ab? Kommt es nie wieder? Warum hat sich die Flut die ganze Woche über jeden Tag nur gerade um eine halbe Stunde verschoben? Was ist los mit dem Mond, der genau in der Mitte durchgeschnitten am Himmel steht?

Donnerstag, 20. August 2015

Donnerstagabend an der Meldorfer Bucht

Die Flut kommt zaghaft und die Sonne auch. Ihr Licht schmeichelt den Sinnen und die Ruhe ist immens, das Wasser warm, der Wind anständig. Ein Tag zum Aufatmen. J. holt mich unterwegs ein. Wir haben beide eine Maximalgeschwindigkeit von über 27 Stundenkilometern auf unseren Fahrradcomputern und wissen nicht woher. Durchschnitt über 20. Ohne Rückenwind. Ohne Gegenwind. Ohne Windschatten. Auf dem Rückweg fliegt ein Paragleiter am Himmel. Ohne Berge. Ohne Abhänge. Ohne Aufwind. Ohne Abwind. J. holt das Fernrohr hervor. Er fliegt mit Motor. Mit Rotor. Im Sitzen. Mit Propeller am Rücken.

Mittwoch, 19. August 2015

Dienstag, 18. August 2015

Regen in Meldorf

Die Neuentdeckung aus der Johanniskirche von Hooge: der Georgier Gija Kantscheli. Geboren 1935 in Tiflis, lebt seit 1991 als freischaffender Komponist in Westeuropa, zZt in Belgien. Hier sieben Minuten Violoncello solo "nach dem weinen"


Montag, 17. August 2015

224. Mahnwache in Meldorf

18:00 - 18:30 Südermarkt
Meldorfer Mahnwache für den sofortigen Atomausstieg.

Sonntag in Neumünster

Konzert des SHMF in der Holstenhalle. Lang Lang hat Mittelohrentzündung und Flugverbot. Sitzt in Shanghai. Am Flügel in Neumünster nimmt Christoph Eschenbach Platz. Spielt statt Grieg Mozart. Im ehemaligen Viehauktionshalle, dem späteren Flugzeugmontagewerk und heutigen Konzerthaus. Grandios. Solopianist und Dirigent in einem. Er hat Geburtstag und trotzdem nur zwei Hände. Dann Erik Schumann, den ich seit der Chornacht "Engel" im Meldorfer Dom hoch schätze. Am 11. Juli 2014 spielte er Bachs d-Moll Partita für Violine solo. Heute in Neumünster Tschajkowski und D-Dur. Es wäre für mich mehr als genug! Aber es folgt noch die Stimme. Der Dreiklang. Die Harmonie. Muss alles gewahrt werden. Michaela Kauna klinkt sich an Tschajkowski und den rumänisch-japanisch-deutschen Violinisten an. Singt Briefszenen aus Eugen Onegin. Das allein ist unpassend für mein Fingerspitzengefühl. Diese Briefe singt man nicht solo in einem unverständlichen Russisch! Und zu guter Letzt Strauss. Die vier letzten Lieder. Die müssen gesungen werden! Zu später Stunde schmettert das Orchester den Rosenkavalier und ein Geburtstagsständchen zum 75. des Dirigenten. Zugaben über Zugaben. Pausen über Pausen. standing ovations. Wir kommen erst morgen nach Hause. Neumünster in der Nacht hat mich um den Schlaf gebracht.   

Samstag, 15. August 2015

Samstag in Heide

Ich laufe durch den strömenden Regen zum Bahnhof und mein Nachbar, der mir mit dem einzigen Auto entgegen kommt, das ich auf der Straße erkenne, weil es anders als alle anderen Autos auf den Straßen Farbe zeigt und leuchtet, fragt sich im Vorbeifahren, was ich bei dem Wetter zu Fuß am Samstagmittag vorhabe. Ich antworte erst in der Nacht und auf facebook: ich war auf dem Weg zu Heidi, meiner Frisöse in Heide, die im Sommer, statt Urlaub zu machen, nur samstags arbeitet.

Samstag in Meldorf

Das polnische Alphabet - und wer weiß das schon - hat 32 Buchstaben, also 6 mehr als das deutsche, obwohl es auf Q, V und X verzichtet. Z mit Punkt (auf dem großen Ż wie auf dem kleinen ż) ist der letzte Buchstabe des polnischen Alphabets, der vorletzte Z mit Strich (groß Ź, klein ź). Die Franzosen nennen diesen Schrägstrich accent aigue, setzen ihn aber nur auf Vokale. Die Polen sind in jeder Hinsicht kreativer einfallsreicher, vielfältiger. Sie besitzen auch die "ogonki" (Schwänzchen) unter den a und e (ą, ę,), welche die Nasalierung des Vokals anzeigen. Die Deutschen kennen nur das Tüpfelchen auf dem i oder Antons Pünktchen.

Freitag, 14. August 2015

Freitag in Meldorf

Kartoffelsuppe und eine gute Tat nach der anderen. Aber ich habe nichts davon.
Die Sonne braucht schon wieder fast eine Stunde länger, nur um über das Dach des Nachbarhauses zu kriechen. Ich lese über das Vergessen. Wie heilsam es sei. Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liege im Vergessen. "Wer das Erinnern übertreibt, mumifiziert die Liebe." Das Verblassen von Erinnerung geschehe von selbst. Vergessen könne ein Zeichen echten Vergebens sein. Verzeihen hingegen sei ein bewusster Akt. A wie Alpha und Omega. A stand immer schon am Anfang eines jeden Alphabets.

Donnerstag, 13. August 2015

Donnerstag in Meldorf

Ich bin immer noch nicht ganz da und nicht mehr ganz dort. Ich bewege mich in Zeitlupe. Ich wandere durch Zwischenräume und Zwischenzeiten. Ich schließe keine Türen mehr zu und keine Fahrräder mehr ab. Ich schlafe farblos, aber ich habe auch auf der Hallig die Nächte absolut tatenlos verbracht. Sprachlos. Eine Leere von unschätzbarem Wert. Es hat mir nichts gefehlt. Und ich musste mich nirgends hin flüchten. Das Wasser ist eher da an der Meldorfer Bucht, aber auch schneller wieder weg. 

Mittwoch, 12. August 2015

Mittwochmittag an der Meldorferbuch

Ich fahre zum Schwimmen. Trotz Wetter. Ich brauche keine Sonne, sondern auflaufendes Wasser. Die gelbe Rutschgefahr ist neu. Auch die Ermahnung zur Vorsicht. Die Stufen gereinigt, zum Teil ersetzt.
Die Hallig steckt immer noch schmerzhaft in den Füßen. Ich kann kaum auftreten. Die Fußsohlen sind an den sensibelsten Stellen getroffen. Die Wege sind weiter geworden und die Zeit knapper. Dafür funktioniert die Schaltung am Fahrrad und die Flut ist eine Dreiviertelstunde eher da. Also immer etwa einen Tag voraus. Ich muss noch zu Krogmann und nach Bargenstedt. 

Dienstag, 11. August 2015

Dienstagabend an der Meldorferbucht

Niedrigwasser wie auf der Hallig. Kein Wattknistern, dafür frischer Teer. Kein Sonnenuntergang, dafür frischer Wind. Wolken geschichtet. G. und ich erzählen uns die Geschichten der letzten drei Wochen.

Dienstag in Meldorf

Endlich den Sickerschlauch ausgelegt. Der Bambus hat gelitten, er steht schon so dicht, dass der Regen kaum noch zu den Wurzeln gelangt. Rasen gemäht. Pilze eingesammelt. Der Rasen ist feucht, der Bambus trocken. Der Apfelbaum trägt schwere Früchte. Seine Äste hängen zu Boden. Die Brombeeren hängen zu Boden. Die Clematis hängt zu Boden. Schwer von dem Violett, das ich nicht mag, das aber trotzdem schön ist. Der Floks blüht. Ich habe von der Hallig durchstochene Fußsohlen mitgebracht. Mein letzter Spaziergang am Sonntag Nachmittag führte mich über den Süddeich. Das Gras war gerade abgemäht worden und ich lief barfuß über harte trockene Stoppeln. Es piekste andauernd ziemlich heftig. Schmerzhaft. Trotzdem wollte ich die Schuhe nicht anziehen, die ich in den Händen hielt. Ich wollte den Boden spüren, wie er war. Jetzt, wo ich die Schuhe wieder an den Füßen trage in der Stadt, spüre ich, wo es weh tut. 

Montag, 10. August 2015

Montagnachmittag in Meldorf

Die Frage stellt sich gar nicht, wo ich zu Hause was anfangen soll. Der Schornsteinfeger - ach was: der "Bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger" - steht noch vor der Mahnwache vor meiner Tür und erklärt Dinge, mit denen ich wenig anfangen kann. Ich beeile mich, die Heizungsanlagen einzuschalten. Das ist nicht nur ein Knopfdruck, sondern eine intellektuelle und technische Herausforderung nach drei Wochen Halligleben. Ich drehe sämtliche Heizkörper im Haus auf, bevor ich die Fenster zum Lüften aufsperren kann, damit die Brenner auf Schornsteinfegertouren kommen. Draußen herrschen gerade um die 30 Grad. Auch am Wattenmeer. Drinnen ein Vielfaches mehr. Ein Vielfaches Meer!

223. Mahnwache in Meldorf

18:00 - 18:30 Südermarkt
Meldorfer Mahnwache für den sofortigen Atomausstieg.
video

Ich kann ab Schlüttsiel bis Husum im Auto mitfahren und muss dort trotzdem auf die NOB warten. Im Zug treffe ich meinen Lieblingsschaffner, der sich wundert. In seiner Wahrnehmung komme ich aus der falschen Richtung. Die Zivilisation hat mich wieder.

Halligmontagmorgenrot

Ich weiß nicht, warum ich am Montag abreise. Aber ich tue es. Ungern. Alle anderen reisten am Samstag ab. Mir wurde ein Wochenende geschenkt. Nur der Himmel weiß wofür. Das Wasser läuft auf, also lässt mich die Hallig ziehen. Der Hafenmeister wird mich mit dem halben Gepäck zur Fähre bringen. Die andere Hälfte lasse ich zurück. Der Wind kommt immer noch aus Ost, aber kraftlos. Ich sehe es an den Fahnen vor den Fenstern. Wolken. Grau. Trübe. Es gab keinen richtigen Sonnenaufgang, dafür Morgenrot!

Sonntag, 9. August 2015

Hallignachtbaden

Ich gehe zum ersten Mal nachts schwimmen. Allein. Der Wind kommt von Osten, die Wellen auch. Ich kann nicht warten, bis das Tageslicht ganz verschwunden ist. Ich habe keine Geduld und ich weiß, dass mir das Wasser davonläuft. Ich sehe das Meer nicht leuchten. Aber ich sehe den Horizont leuchten. Die Nordsee ist nachts noch wärmer als tagsüber.

Halligsonntagmittagspause

Ich kann es immer noch nicht lassen - die Sonnenuhr muss auch noch herausgeputzt werden. Ein präzises Wunderwerk! Statt Mittagspause steige ich auf die Leiter, lärme und streiche noch einmal exakt eine Stunde am leeren Anleger. Eine himmlische Ruhe. Ablaufendes Wasser. Fast kein Wind. Strahlend blauer Himmel. Kein Farbklecks an der falschen Stelle. Bin hochzufrieden!

Halligsonntag

Mein vorläufig letzter. Ich habe zum ersten Mal schlecht geschlafen. Die Unruhe vor der Abreise lag im Zimmer. Der halb gepackte Koffer, die aussortierten Sachen. Was bleibt hier, was kommt mit. Was brauche ich im Herbst, wenn ich wieder komme. Was brauche ich nicht im Herbst, wenn ich wieder komme. Wenn das Wetter umschlägt und Sturm aufkommt. Noch ist Sonntag, mein vorläufig letzter auf Hooge. Fast windstill.

Samstag, 8. August 2015

Halligweiß

Ich kann es nicht lassen und der Hafenmeister hat nichts dagegen. Der Wind kommt kräftig aus West und besprenkelt alles, das Gras, die Platten, die Füsse, die Schuhe, die Knöchel, die Brille, die Wangen. Eine Frau, auf dem Weg aufs Schiff meint anerkennend, hier werde sogar am Samstag gearbeitet! Es ist nicht der Samstag, der mich antreibt, sondern mein vorletzter Halligtag. Die Schiffe kommen und gehen im Hochsommer auch ungeachtet von Werk-, Sonn- oder Feiertagen. Und bringen Gäste. Und nehmen sie wieder mit. Es ist der natürliche Lauf der Dinge.
Wie die Tide. Heute Hochwasser erst um halb neun abends. Da ist kein Mensch mehr weit und breit am Sommerdeich und das Wasser himmelblau.

Halligwunder

mission completed - wenigstens was den Zaun betrifft. Das Wunder von Hooge ist geschehen und das Fahrrad hat der Malerin den Platz frei gegeben. Im Hintergrund sind jetzt noch ein paar verwitterte Pfähle zu sehen. Die stören das Auge und den goldenen Schnitt. Vielleicht schaffe ich es, nach der Mittagspause auch dort noch das Blütenweiß aufzutragen. Wer was auf sich hält, verlässt die Hallig nur schier, sauber und mit gutem Gewissen!

Freitag, 7. August 2015

Halligblau

Auch das gibt es hier. Den verdienten Feierabend bei auflaufendem Wasser und fast wolkenlosem Himmel am Süddeich. Zwei Stunden vor Höchststand. Blau wie am Mittelmeer! Mit der alten Kirche von Pellworm im Hintergrund.

Halligtagewerk

Das Wetter günstig, die Gäste vorsichtig. Fast fertig - bis auf die Fahrradanlegestelle. Wem gehört dieses Fahrrad, das seit über einer Woche am Zaun angekettet ist? Aber nun ist er prächtig und vorzeigbar, der Hoogener Freiluftwartesaal!

Donnerstag, 6. August 2015

Halligschwimmen

Ich bin 5 Minuten nach dem höchsten Stand an der Badestelle am Süddeich. Das Wasser ist so spiegelglatt, das ich einen Moment zögere, hineinzusteigen. Ich will das Bild nicht zerstören, die geschlossene Fläche nicht zerreißen. Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, kann sich kaum vorstellen, zu welchen Veränderungen die Welt hier innerhalb eines einzigen Tages fähig ist. Natürlich muss ich schwimmen, wenn das Wasser da ist. Es wird meine Störung verkraften und nach mir schnell zu seiner Ruhe zurückfinden.

Halligspaziergang

Freitag - obwohl erst Donnerstag. Die Sonne geht wieder gülden auf. Ich arbeite heute nicht am Anleger, sondern gehe spazieren. Ich umrunde die Hallig mit einer Blase am rechten Zeigefinger. Barfuß! Alle HgK's ("Hand-gegen-Koje") machen das früher oder später. Ich habe Hooge schon oft umrundet, aber immer erst nach meinem Geburtstag im Oktober. Noch nie im August. Ich gehe gegen Mittag los und laufe im Uhrzeigersinn. Der Wind kommt gemäßigt aus Ost bis Südost, das ist günstig.

Mittwoch, 5. August 2015

Heimatgedanken

Meldorf feiert 750 Jahre und ich bin nie zu Hause. Nicht zum offiziellen Festakt im April - da war ich lesereisend in der Schweiz, in Liestal (meinem offiziellen Geburtsort). Nicht im Juni zum musikalischen Festakt - da war ich recherchierend in Warschau (meiner Wahlheimat). Nicht am 8.8. zur NDR-Show - da bin ich auf der Hallig, schreibe an meinem neuen Roman und möchte hier am liebsten für immer bleiben. Was schert mich das Fernsehen, ohne das ich fast mein ganzes Leben lang (bis auf ein paar wenige Jahre in Berlin) gut auskomme. Heute nun, jetzt gerade sind alle Meldorferinnen und Meldorfer, Jung und Alt, Groß und Klein, aufgerufen, sich zum Probelauf der Stadtwette am Otto-Nietsch-Weg einzufinden. Ich weiß nicht einmal, wo der ist und springe gerade am schönsten Ort der Welt, am Hoogener Landsende in die Nordsee - denn es ist Zeit zu schwimmen. Hochwasser!
Meldorf ist als città slow zertifiziert worden - deshalb wird bei der Stadtwette eine Schnecke nachgebildet, hier der Vor-Probe-Lauf unter der Leitung unserer sympathischen Bürgermeisterin:
http://www.ndr.de/wellenord/sommertour/Meldorf-Sommertour-Party-mit-Soulpop,sommertour6404.html

Halligfarbe

Von Lina Bögli habe ich gelernt, dass man/frau  im Tagebuch nie zurückschauen soll. Trotzdem tue ich es heute: Gestern nämlich nahm ich dem Hafenmeister das Versprechen ab, dass ich den Zaun auch neu streichen darf, nachdem ich das Holz so sorgfältig freigelegt habe. Frisch geschliffenes Hartholz riecht übrigens wunderbar!
Sehr weit bin ich heute nicht gekommen, denn ich hatte erstens noch einiges zu schleifen, zweitens brauchte zwischendurch der Hafenmeister das Stromkabel für Arbeiten, die er nur bei Niedrigwasser erledigen kann. Ich entfernte derweil die Grasbüschel zwischen den Steinplatten in unserem Freiluftwartesaal. Alles besser als Słowacki, Ksiądz Marek (polnische Schullektüre - Boże, wer kann sowas heute noch lesen?) vom Smartphone. Wer sich das ausgedacht hat! Mit Sonnenbrille kann ich vom S5 mini nicht lesen, ohne Brille kann ich überhaupt nicht lesen, mit der Arbeitsbrille halte ich es in der Sonne nicht aus, die Lesebrille bleibt im Zimmer (übrigens: dem schönsten auf Hooge!) neben dem Laptop. Ein Brillentheater ohne Ende. Kein Augentrost. Drittens strömten die Gäste in Scharen von den Schiffen. Eine ganze Hundertschaft zur natur- und vogelkundlichen Halligführung. Die eine Hälfte geht im Uhrzeigersinn los, die andere in der entgegengesetzten Richtung. Bis die alle nur einmal durchs Stativ geguckt haben, seufzt L., der Führer von der Schutzstation, mit dem ich schon auf dem Japsand und auf Norderoog war.
Und ich - kippe zu guter Letzt den Farbeimer um. Ungeschickt. Er war eh fast leer.

Halligsonne

Sie geht heute ganz in weiß auf. Und kürzlich in der Nacht der Mond feuerrot.

Dienstag, 4. August 2015

Halligarbeit

Endlich nimmt die Sache Fahrt auf: ich schleife den halben Tag am Anleger die alte Farbe vom Zaun neben den zwei Bänken. Ich lerne mit einer elektrischen Schleifmaschine umzugehen, ohne dass erneut ein Notruf an die Halligkrankenschwester abgesetzt werden muss. Ich lärme mit dem Hafenmeister um die Wette, der Unkraut mäht. Wir sind beide von unten bis oben voller Staub. Ich werde nicht ganz fertig, da ein Halligfahrrad (seit Tagen fest verbunden mit dem Zaun) mein ganzes logistisches Denken fordert. Pünktlich zum Feierabend beginnt es zu regnen. Das erste Bad in der Nordsee bei Regen. Sanft und ruhig. Kein Mensch weit und breit. Das süße und das salzige Wasser. Gesprenkelt.

Halligmitternachtwanderung

Der Mond geht rot und riesengroß auf. Wir laufen an der Kirchwarft los, über die Schleuse, dann dem Deich entlang nach Westen. Bestaunen die Lichterkette am Horizont: die roten Warnlampen der Rotoren vom Festland, nur für Flugzeuge, nicht für Zugvögel und Nachtschwärmer. Das Quermarkenfeuer von Langenesss. Die Skyline von Föhr und Amrum. Die Leuchttürrme von Amrum (der höchste weit und breit) und Hörnum. Hören die Austernfischer über den freiliegenden Wattflächen kreischen, hungrig, wollüstig. Schmecken das Salz in der Nachtluft. Riechen Kaffee, Curry und Zahnpasta (kein Witz, aus den mitgebrachten Dosen der Schutzstationmitarbeiterin). Hören wundersame Gedichte und Geschichten. Enden an der Schulwarft. Und ich muss dann zurücklatschen zu meinem Fahrrad. Der Mond ist da, die Luft warm, der Wind still. Kein Nebel weit und breit. Der Leuchtturm von Pellworm steht da, wo er hingehört und sogar das Leuchtfeuer von Süderoog ist zu sehen. Mein Fahrrad steht am Friedhof.

Montag, 3. August 2015

222. Mahnwache in Meldorf

18:00 - 18:30 Südermarkt
Meldorfer Mahnwache für den sofortigen Atomausstieg.

Und ich immer noch auf Hooge. Ein wunderbarer Morgen bricht an. Die Vögel sind alle da - aber das liegt nicht an der Tageszeit, sondern an der Tide. Ablaufendes Wasser. Dann sind die Halligvögel im Watt am fressen. Das ist ihre Mittagessenszeit, egal ob es stürmt oder schneit, dunkel ist oder hell.

Sonntag, 2. August 2015

Halligabendnebelfelder

Kaum ist die Sonne untergegangen, steigen die Nebel über den Halligflächen auf, Der Hafenmeister erzählte kürzlich, er sei in der Nacht aufgewacht und habe gedacht, es sei landunter. Aber es war Nebel, der die Hallig bedeckte. Die Feuchtigkeit der Weiden. Mitten drin die Kühe, die hier kein anderes Zuhause haben. Das Pensionsvieh. Und darüber der Vollmond.

Halligtote

Auch die gibt es. Alles geschieht vor unseren Augen am Anleger. Keiner kommt unbemerkt, keiner geht unbemerkt. Als wir im April bei den Ringelganstagen über den Friedhof spazierten, war eine Grube frisch ausgehoben und das Wasser wurde abgepumpt. Zuviel Meer im Boden. Heute fand man einen jungen Saisonarbeiter erhängt, der erst vor zwei Tagen mit nur einer Tasche über der Schulter an mir vorbei auf die Hallig marschierte. Liebeskummer. Der Notarzt kam mit dem Hubschrauber und der scheuchte Gänse und Halligvögel auf. Die Hoogener Feuerwehr musste anrücken, trotz Sonntag, trotz Mittagessenszeit, wie bei jedem Hubschraubereinsatz.
Polizei und Bestatter kamen von Amrum mit dem Seenotretter. Hooge hat einen Halligeigenen Leichenwagen. Schmuck, klein. Die im April Verstorbene wurde auf der Kirchwarft zur letzten Ruhe gebettet. Der junge Mann verließ die Hallig im Leichensack. An Bord der Ernst Meier-Hedde. Und uns fuhr es kalt über den Rücken. Seine Reisetasche trug nun einer der Feuerwehrmänner. Letzten Sonntag wurde in der Halligkirche das Opfer für genau solche Einsätze mit dem Seenotrettungskreuzer aufgenommen. Heute früh verkündete der Halligpastor, wie jeden Sonntag nach der Predigt, die Summe des Opfers vom letzten Gottesdienst. Sie lag, wenn ich mich recht entsinne, bei etwa 170 Euro. Der Halligpastor redet gerne vom "Wunder von Hooge". Aber der heutige Einsatz dürfte ein Vielfaches des Hoogener Sonntagsopfers gekostet haben. In jeder Hinsicht. Die Ernst Meier-Hedde lag lange vor unseren Augen. Die Hauke Haien kam und ging, die See-Adler, die Adler Express, die seit gestern wieder im Einsatz ist, die Hilligenlei ... Es versammelten sich ungewöhnlich viele Halliggäste am Anleger. Und da stand, unübersehbar, der Einsatzwagen der Feuerwehr. Die Männer in Schutzwesten. Der Leichenwagen. Sonntag. Nachmittag. Ferien. Sonne. Ablandiger Wind (sofern das hier überhaupt möglich ist). Ankommende. Abreisende. Alle guckten erschrocken. Zuviel Signalfarbe. Der Hubschrauber kreiste über der Ockenswarft und die Vögel flohen in Scharen in den Himmel. Ein Stier auf der Halligwiese brüllte den ganzen Tag aus Leibeskräften nach seiner Kuh und bekam sie nicht. Die Halligkrankenschwester raste schließlich im Dienstwagen auf den Anleger zu und brachte die Polizistin an Bord, die das Protokoll der Übersetzung des Abschiedbriefes aufgenommen hatte. Und dann war plötzlich alles vorbei.

Halligdiebstähle

Die gibt es nicht wirklich. Mein Fahrrad, das meines nicht ist, sondern der Gemeinde gehört, das ich aber gestern von B. übernommen habe und wie sie am Abend an die Wand von "Uns Hallig Huus" lehne, ist verschwunden. Ich laufe zu Fuß zur Kirche und komme zu spät zum Gottesdienst. Einen Teil des Weges kann ich auf Karls leerer Kutsche mitfahren. Nach der Predigt, die ich nur auf Hooge hören mag, komme ich zu spät zum Anleger. Der Hafenmeister nimmt es gelassen. Nach dem Hafenfest wechselt so manches Fahrrad seinen Standort, sagt er, nicht unbedingt den Besitzer. Kutscher Hansi hat eines gesichtet hinter der Schleusenbrücke. Irgendwo wird es eines Tages wieder auftauchen.

Samstag, 1. August 2015

Halligmorgen

Das Erwachen nach dem Vollmond. Heute Hafenfest. B. reist ab und ich ziehe in das schönste Zimmer unserer WG um. Das ist die Halligordnung, das Halligrecht. Ich bin nun die Dienstälteste!